Die Familie


Ein Artikel von Günter Ruffert, Thailand

Ein wichtiger Aspekt des Lebens in Thailand ist der Familienzusammenhang. Die meisten Familien auf dem Lande leben in einfachen Holzhäusern, die nur aus einem Raum bestehen und die aus mehrere Generationen bestehende Großfamilie unter einem Dach vereint. Der einzige Raum dient als Aufenthaltsraum, oder Schlafzimmer, Spielzimmer oder Küche, oft alles zur gleichen Zeit. In der Regel leben nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch die zu versorgenden Großeltern der Frau, also 3 Generationen im selben Heim. Auch die Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten. leben oft im gleichen Haus oder in einer neben dem Haus der Eltern gebauten Hütte, Diese Geschwister haben auch Kinder und auch deren Großeltern leben mit Ihnen. Vielleicht gar ein Urgroßelternteil, so die Länge des Lebens es erlaubt, wird oft dabei sein. Nachts schläft die ganze Familie zusammen mit einem Berg von Kissen und Decken nebeneinander am Boden. Vor allem die Kinder liegen dann kreuz und quer beieinander. Diese Methode bietet nicht nur Wärme in kälteren Jahreszeiten, sondern begründet auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl.

Das Zusammenleben auf engstem Raum erfordert ein Höchstmaß an Disziplin und Unterordnung. Deshalb lernen thailändische Kinder von Geburt an, sich an die in der Familie herrschende Hierarchie zu gewöhnen. Die Rangfolge richtet sich nach dem Alter, so daß Großeltern, Eltern und ältere Geschwister eine höhere Position einnehmen. Der Familienverband bietet jedem Sicherheit und Geborgenheit und ist die Grundlage der Gesellschaft. Die jüngeren Mitglieder werden angehalten, die ältere Generation zu achten und zu unterstützen. Den Kindern wird schon in der Schule der Respekt vor den Älteren gelehrt. Ebenso wie die Eltern genießen auch Lehrer, religiöse und politische Oberhäupter, oft auch Vorgesetzte in Betrieben, unbestrittene Autorität. Kinder werden aber in der Familie allgemein milder und duldsamer erzogen, und mehr verwöhnt als bei uns.

Jeder in der Familie hat seinen durch die Tradition bestimmten Platz in der Hierarchie. So muss ich z.B. vom älteren Bruder meiner Frau, als "phi chai" (älterer Bruder) sprechen, obwohl er gut 20 Jahre jünger ist als ich. Meine Frau ist aber die jüngere Schwester und damit bin ich, ungeachtet meines Lebensalters, eben der jüngere Bruder.

Wenn jemand aus der Familie ins Krankenhaus muss, wird mindestens ein, manchmal auch mehrere Mitglieder der Familie bei ihm bleiben, und sofern kein extra Bett vorhanden ist, auf dem Fußboden vor seinem Bett kampieren.

Auch innerhalb der Dorfgemeinschaft bestehen starke Bande der Zusammengehörigkeit. Viele Bewohner sind miteinander verwandt, oder man kennt sich von der Geburt an. Außerdem sichert die Gemeinschaft das überleben. In Notfällen hilft das ganze Dorf, ein neues Haus zu bauen oder die Ernte einzubringen.

Der Farang, der eine Thai-Frau heiratet und nach Deutschland holt, muss sich darüber klar sein, was es für die Frau bedeutet, plötzlich diese Geborgenheit in einer Familie zu verlieren. Er wird sich entsprechend bemühen müssen, ihr nicht nur sexuell und evt. auch finanziell viel zu bieten, sondern auch einen Ersatz für die Geborgenheit in der Großfamilie zu verschaffen.

Die hierarchischen Strukturen der thailändischen Gesellschaft finden in der Familie ihren Spiegel. Die hier erlernte Unterordnung und Disziplin sind auch die im gesellschaftlichen Leben verlangten Grundeigenschaften. So zollt ein Thai sogar nichtverwandten Personen durch Anredeformen wie Mutter, Vater, ältere Schwester oder jüngerer Bruder seinen Respekt. In ihrem nationalen Bewußtsein sehen sich die Thai gerne als eine einzige große Familie, die vom König als Vater geführt wird. Der Respekt ranghöheren Personen gegenüber erstreckt sich aber nicht auf Farangs, da diese außerhalb der Thai Gesellschaft stehen

Europäische Männer schätzen Eigenschaften wie Treue und Loyalität zum Mann, nicht zu deren Familie irgendwo in Thailand. Die Pflicht der Kinder später für ihre Eltern zu sorgen, ist aber in einem Land, wo es keine Sozialversicherung und keine Rente gibt (zumindest nicht für die Leute auf dem Dorf) selbstverständlich, auch wenn die Kinder weit weggezogen sind. Sie sind bei unzureichender Renten- und Krankenversorgung die einzige Absicherung und Stütze im Alter. Der Farang der eine Thai-Frau geheiratet hat, wird das oft nicht verstehen. Für seine Frau ist es aber eine Selbstverständlichkeit ihre Familie in Thailand zu unterstützen, und sie würde sich ihren Eltern gegenüber, die sie groß gezogen haben, undankbar erweisen und im Dorf ihr Gesicht verlieren, wenn sie ihnen nicht regelmäßig aus dem fernen Deutschland Geld schickt.

Die an sich positive Eigenschaft, ihre arme Familie in Thailand zu unterstützen, kann durchaus in Ordnung sein, solange es sich um regelmäßige überweisungen eines Betrages handelt, der zwar für Thai-Verhältnisse eine spürbare Hilfe bedeutet, aber nicht ausreicht um die ganze Familie auf der faulen Haut liegen zu lassen, weil die Bruder seit der Hochzeit ihrer Schwester in Deutschland mangels standesgemäßer Arbeitsmöglichkeit nicht mehr für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Dieser Familiensinn seiner Thai-Frau kann sich aber ohne überwachung und Steuerung durch den deutschen Ehemann verhängnisvoll auswirken. Die Familien in Thailand sind meist nicht zimperlich mit ihren Wünschen und Forderungen an die Tochter im vermeintlichen Wohlstandsparadies und ungemein einfallsreich im Erfinden immer neuer Gründe für eine außerplanmäßige überweisung. Spätestens nach dem dritten schweren Motorradunfall des Bruders oder der erneuten Bestattung der Großmutter, welche schon vor 4 Jahren einmal gestorben ist, sollte auch beim tolerantesten Ehemann die rote Warnlampe aufleuchten, und die Notbremse gezogen werden.

 


© 2001, Günter Ruffert

 

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cover

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